Zeit der Besinnung

Höher, schneller, weiter?

Wer mit der Flinte schießt, begibt sich auf hochinteressantes Terrain. Man kann sich ein Leben lang mit dem Werkzeug selbst und mit der Lehre seines guten Einsatzes beschäftigen und lernt doch kontinuierlich Neues hinzu. Aber abseits aller Techniken und Methoden hat uns das Flintenschießen so viel mehr zu bieten als man denkt, wenn man eine Flinte zum ersten Mal in die Hände nimmt. 

Es ist von der Faszination des Flintenschießens die Rede, was darauf hinweist: Es muss um deutlich mehr gehen als „nur“ Tontauben zu „zerschießen“. Was ist das Faszinierende am Flintensport?

Eine Schule für das Leben 

Lee Iacocca, erfolgreicher US-Automobil-
Manager, verglich schon vor Jahrzehnten die Führung eines Unternehmens mit der Entenjagd. Man müsse der Ente immer einen Schritt voraus sein, wenn man sie treffen wolle, schrieb er in seinen Bestseller-Büchern.

Es ist keineswegs zu hoch gegriffen, in der Ausübung des Flintensports eine Schulung für das Leben schlechthin zu sehen. Das Ziel, die Ente, die Wurfscheibe oder was immer es ist, bleibt nicht stehen, sondern bewegt sich weiter. Einen Schritt voraus sein – ja, aber in die richtige Richtung und mit der richtigen Geschwindigkeit! Der Flintenschütze lernt zu erkennen, wie und wohin sich ein Ziel bewegt. 

Wer die Zukunft gestalten will, die seines Unternehmens oder die seines eigenen Lebens, muss sie sich zuerst einmal vorstellen können. Wo könnte die Reise hingehen? Wie wird sich meine Umgebung derweil verändern? Welche Ansprüche hat sie an mich oder könnte sie an mich stellen? Wo fliegt die Ente hin? Wo könnte sie hinfliegen? 

Jeder von uns hat Ziele im Leben: viele kleine, ein großes, berufliche Ziele, private  Ziele ... Der Wunsch, unsere Ziele zu erreichen, das Bedürfnis nach Erfolg treibt uns an. Erfolg im Privaten, im Beruf, im Sport. Streben nach Glück.

Auf dem Schießstand lässt sich sehr gut reflektieren, was notwendig ist, ein Ziel effektiv und sicher zu erreichen. Was wir dort mit der Flinte ganz unmittelbar erfahren, nämlich nach einer gründlichen Vorbereitung, mit Willenskraft und Konzentration in die Lage versetzt zu werden, eine Wurfscheibe innerhalb kurzer Zeit erfolgreich zu bearbeiten, lässt sich auch auf private und berufliche Bereiche übertragen. 

Beim Flintenschießen lernen und trainieren wir, uns auf unser Ziel zu konzentrieren, und auf unseren Willen, es zu erreichen. Nur wer sein Ziel fest und genau anschaut, es immer im Blick hat und nicht aus den Augen verliert – nur wer das kann, erreicht auch sein Ziel. So ist es beim Flintenschießen und so ist es im Leben.

Ein Training im Flintenschießen ist immer eine sehr persönliche Erfahrung. Negative Erlebnisse und persönlich empfundene, vermeintliche Schwächen führen häufig zu falschen Selbsteinschätzungen, was die eigenen Fähigkeiten im Schießen betrifft. Wer methodisch vorgeht, wird bald erfahren, dass es auch für ihn möglich ist, zu treffen und ein guter Schütze zu werden.

Im Flintenschießen voranzugehen bedeutet, sein Training in Teilschritte zu zerlegen. Alles auf einmal machen zu können, ist eine Illusion. Das Flintenschießen ist auch eine Frage der Wahrnehmung, der Sichtweise, des Blickwinkels. Jemand kann ein Flugziel als zu schnell und unerreichbar sehen oder aufgrund seines Wissens, seiner Kenntnisse und Fähigkeiten als langsam und leicht zu treffen wahrnehmen.  

Genauso verhält es sich mit den Zielen, die wir uns im Leben oder im Beruf gesteckt haben. Diese Ziele gilt es zu fokussieren, sich mit seinem ganzen Willen darauf zu konzentrieren, Entwicklungen vorauszusehen und selbst möglichst immer einen Schritt voraus zu sein. 

Erleben Sie, was Sie auf dem Schießstand für Ihren Beruf und Ihr Leben lernen können. Lernen Sie, mit Freude und Begeisterung Ihre Ziele zu verfolgen. Erfahren Sie: es macht Spaß, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit richtig zu tun und ein positives Ergebnis zu erzielen. Ziele, die man mit großer Leidenschaft verfolgt, lassen sich nicht nur leichter und schneller erreichen – es macht einfach Spaß!

Erfolg und Misserfolg spielen sich im Kopf ab. Gute Gedanken sind die Voraussetzung für unseren Erfolg. Im Leben. Im Job. Beim Schießen. 

Die Theorie zu verstehen ist eine Sache. Eine andere ist es, sie umzusetzen und zu verinnerlichen – das Flintenschießen lehrt uns, die gewünschten Prozesse in unserem Kopf in wenigen Sekunden folgerichtig ablaufen zu lassen. Beim Flintenschießen kommt es auf die Sekunde an. Aber nicht operative Hektik, sondern Souveränität ist gefragt. Und die kann man trainieren. 

 

Ein Sport für Jung und Alt – Leidenschaft macht den Unterschied

 

Flintenschießen ist eine Leidenschaft. Sie kommt mit Faszination daher. Wer je von dem Bazillus angesteckt wurde, weiß, wie das ist. Wenn man es gar nicht erwarten kann, dass es endlich wieder so weit ist. Dass man die Flinte in den Koffer packt und zum Schießstand fährt.

Flintenschießen ist Natur erleben. Das Auge und die Sinne schärfen. Reflexe und Motorik schulen. Koordiniert handeln. Flintenschießen ist Philosophie und Abenteuer zugleich. Flintenschießen ist Begegnung.

Flintenschießen ist ein Sport, der „süchtig“ macht. Wer einmal damit anfängt, stellt schnell fest, dass man nicht genug bekommt. Warum das so ist, kann man nur schwer beschreiben, aber erleben. Menschen sind verschieden. Was die einen bewegt, lässt die anderen kalt. Ich kenne aber keinen Flintenschützen, der nicht von derselben Passion ergriffen ist, die auch mich antreibt, ausgenommen diejenigen, die mangels einer guten Anleitung frustriert wurden. 

Ob 20 oder 90 Jahre alt, der Flintensport hält für jeden eine Herausforderung bereit. Als ich noch ganz jung war, suchte ich nach Betätigungen, die ich auch im Alter nicht aufgeben muss. Wenn man etwas gerne macht, dann möchte man das doch immer tun und nicht aufhören müssen, wenn man in die Jahre gekommen ist.

Flintenschießen ist eine der faszinierenden Sportarten, die man niemals aufgeben muss. Ich kenne jemanden, der aus dem Rollstuhl besser schießt als mancher, der auf seinen Beinen steht. Flintenschießen ist etwas für Kämpfer, für Menschen, die nie verloren geben, was ihnen wichtig ist. Flintenschützen lieben das Leben, haben Augen für das Schöne, für Harmonie und Eleganz. Flintenschießen hält Körper, Geist und Seele in Schwung. Flintenschützen hören niemals auf, Ziele zu haben und zu ihnen zu streben. 

Albert Schweitzer hat einmal gesagt, dass Jugend nicht ein Lebensabschnitt sei, sondern ein Geisteszustand. „Niemand wird alt, weil er eine Anzahl der Jahre hinter sich gebracht hat. Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele.“ – so Albert Schweitzer weiter.

Ob Jung oder Alt, Anfänger oder Fortgeschrittener, uns alle vereint der Enthusiasmus für unsere Flinten und das Schießen mit ihnen. Der Flintensport kennt weder Länder- noch Altersgrenzen, sondern baut Brücken über Völker und Generationen hinweg. Es gibt auch keine Grenzen zu denen, die bis jetzt noch nicht Flinte schießen. Und doch mag es manchmal für Fremde schwierig sein, den Weg zu uns zu finden. Wir sollten Brücken bauen, über die Außenstehende leichter zu uns kommen können.

Wir wollen jung im Herzen bleiben, solange wir es können. „Nie aufhören“ ist ein gutes Lebensmotto. 

 

Eine Frage der Harmonie

Der Wille, erfolgreich sein zu wollen, ist uns in die Wiege gelegt. Wer liebt es nicht, von anderen bewundernd beobachtet zu werden – im Training, im Wettkampf oder wenn man „nur mal so zum Spaß“ auf den Stand fährt. Erster zu sein, Bester werden zu wollen, liegt in unseren Genen. Jeder wünscht sich das.

Mancher, der mit dem Flintenschießen beginnt – ohne angeleitet zu werden (!) –, wäre schon froh, wenn er hin und wieder eine Wurfscheibe treffen würde. Wenn Professionals schießen, sieht „alles“ so mühelos und einfach aus. Wie machen die das nur, fragt sich verwundert der Novize? Hingegen wissen von denjenigen, die gleich bei ihrem ersten Kontakt mit einer Flinte von einem Trainer eingewiesen wurden, nicht wenige zu berichten, dass ihr erster Schuss ein Treffer war. 

In England gibt es Hunderte von exzellenten Ausbildern, die nicht nur im Flintenschießen, sondern auch im Ausbilden ausgebildet wurden, was zwei sehr verschiedene Dinge sind. Mehr als eine große Organisation hat sich dort, wo das Flintenschießen ein Schulfach ist, der systematischen Aus- und Weiterbildung sowohl der Flintenschützen als auch der Trainer und dadurch der Entwicklung des Sports verschrieben. Anlaufstellen muss man nicht lange suchen. Zertifizierte Schießstände der Clay Pigeon Shooting Association (CPSA) halten von der Leihflinte bis zum Coach alles vor. 

Vergleichbare Standards und eine Einrichtung analog der CPSA gibt es in Deutschland (noch) nicht. Der Begriff des Schießlehrers ist hier weder definiert noch gesetzlich geschützt. Aber auch hierzulande gibt es ein gutes und vielfältiges Ausbildungsangebot, das jedoch nicht sehr transparent ist. 

Einmal mehr sage ich: „Das Leben ist voller Möglichkeiten!“ Sie wachsen mit einer guten Ausbildung, deren oberstes Ziel die größtmögliche Harmonie zwischen dem Schützen und seiner Flinte sein sollte. Siegen kann in jedem Turnier immer nur einer, aber harmonisch, gut und elegant schießen, das kann (fast) jeder lernen! Aus Harmonie entstehen persönlicher Erfolg, Selbstbewusstsein, Entspannung, Leichtigkeit und die Freude am Flintenschießen.

Ich glaube, das Streben nach Harmonie ist der beste Weg, eine hohe Trefferquote zu erreichen. Wenn das Treffenwollen der ausschließliche oder vorherrschende Leitfaden ist, steht genau das dem Erfolg oftmals im Wege. Dieses Phänomen habe ich so oft beobachtet, selbst bei Spitzenschützen in Wettkämpfen. Wenn man „alles richtig macht“, ist der Treffer hingegen eine zwangsläufige Folge. Wer als Flintenschütze gelernt hat, alles richtig zu machen, der gelangt zur Harmonie mit seiner Flinte. Stellung, Körperhaltung, Flinte und die Bewegungen des Schützen sind in sich und untereinander stimmig.

Für mich stehen die Treffer am Ende einer Maßnahmenkette, nicht an ihrem Anfang. Was andererseits nicht heißen soll, dass man den Willen zu treffen nicht benötigen würde, um eine positive Körperspannung zu erzeugen, sich zu motivieren und mental wirkungsvoll einzustellen. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob der Treffer am Beginn der Gedanken steht oder als notwendige Folge oder Resultat am Schluss.

 

Wir sind die Botschafter unseres Sports

Leider gibt es Menschen, die dem Schießsport und Waffen skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Sachliche Gründe gibt es dafür nicht, dafür jede Menge emotionale. Neue Schützen in unserer Mitte aufzunehmen, ist die effektivste aller Maßnahmen, unser Gewicht in solchen Debatten zu stärken. Ermuntern wir andere, die jetzt noch außen vor stehen, mit dem Flintenschießen zu beginnen, einem wahrhaft königlichen Sport. Machen wir es anderen leicht, den Weg zu uns zu gehen. Nicht Abschottung tut uns gut, sondern Öffnung.

Menschen, nicht Waffen, prägen unseren Sport und geben ihm ein Gesicht. Wir sind die Botschafter. Wir gehen mit gutem Beispiel voran. Wir ermuntern andere, es uns gleichzutun.

Flintenschießen ist auch eine Frage der Geselligkeit. Freunde treffen, plaudern, reisen, gut essen und trinken. 

Flintenschießen ist eine Frage der persönlichen Entwicklung. Wir strengen uns an. Wir wollen besser werden. Niederlagen nehmen wir hin wie ein englischer Gentleman. Erfolge erleben wir bewusst, ohne überheblich zu sein.

Wir selbst sind der Schlüssel zum Erfolg unserer Sache und jeder von uns spielt mit! Wir sind das gute Beispiel für einen noblen, fairen und leidenschaftlichen Sport. Ihn zu fördern ist besser, als ihn zu verteidigen (müssen).

 

Eine Frage der Wahrnehmung

Wer kennt sie nicht, die amüsante Geschichte vom Schiffskapitän und dem Leuchtturmwärter? Der Kapitän als oberster Befehlshaber eines riesigen Flugzeugträgers glaubt, ein anderes Schiff vor sich zu haben. Welches das auch immer sein mag, es kann nur kleiner und unbedeutender sein als das eigene. Darum hat es ganz einfach zu weichen, aus dem Weg zu gehen! Es handelt sich aber um kein anderes Schiff, sondern das Festland, das vor dem Kriegsschiff liegt, und das Licht ist keine Positionslampe eines Fischerbootes, sondern das Leuchtfeuer eines Leuchtturms. Bis dessen Wärter sich verständlich gemacht hat, ist es zu spät. Das riesige Schiff kann nicht mehr gebremst werden, rammt die Felsen und zerschellt.

Unternehmensberater benutzen die Geschichte gerne, um Unternehmenslenkern eindrucksvoll zu erklären, wie wichtig die „Perception“, die Wahrnehmung, ist. Nur was man als das wahrnimmt, was es tatsächlich ist, kann einen zu den richtigen Handlungen und Maßnahmen bewegen. Eine falsche Wahrnehmung kann für einen Unternehmer Umsatz- oder Gewinnverluste zur Folge haben oder irgendwann sogar den Verlust und Untergang seines gesamten Unternehmens. Ein SEK-Beamter, der im Einsatz in einen Raum eindringt, muss in Sekundenbruchteilen die Realität wahrnehmen, so wie sie ist, und sein Handeln entscheiden. Davon hängt das Leben anderer Menschen, aber auch sein eigenes ab. Eine Geisel, die er fälschlicherweise für einen Geiselnehmer hält, würde durch ihn sein Leben verlieren. Eine zweite Geisel, die er nicht gesehen hat, müsste sterben, weil er den Geiselnehmer nicht rechtzeitig ausgeschaltet hat.

Jeder von uns hängt mit seinem Wohlergehen und eventuell seiner Existenz davon ab, ob er die Realität so erkennt wie sie ist. Wir alle, das heißt jeder Einzelne, hat täglich zu entscheiden, wie er auf das reagiert, was er zu sehen glaubt. Die für ein Unternehmen arbeiten, hängen persönlich vom Schicksal ihres Arbeitgebers ab, können es aber nur bedingt beeinflussen. Wir leben in einem Staat und müssen uns, ob wir es wollen oder nicht, der „Perception“ unserer Regierenden und dem, was sie daraus machen, unterwerfen.

Was hat das denn mit dem Flintenschießen zu tun, werden Sie sich jetzt fragen? Alles, lautet meine Antwort! 

Wir können vom Flintenschießen so viel lernen! Wenn man sich während des Schießens weniger mit dem beschäftigt, was die Wurfscheibe uns zeigt, aber mehr mit dem, was wir meinen, was wir – unabhängig von der Wurfscheibe – tun sollten oder müssten, verpasst man die Chancen, die man hat. Der Kapitän des Flugzeugträgers hat seine Chance vertan, weil er so sehr auf sich selbst fixiert war, dass er die Realität nicht wahrnehmen und sich deshalb in seinen Handlungen von ihr auch nicht beeinflussen lassen wollte. Für den Flintenschützen, der mit dem Zielen über Schiene und Korn befasst ist, steht ebenfalls das Ziel nicht im Vordergrund. Auch er ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er sich von der Wirklichkeit wenig oder gar nicht beeindrucken lässt. Allein die richtige Wahrnehmung der Bewegung der Wurfscheibe kann uns zu den adäquaten Handlungen führen. Nur wer das Ziel „liest“ und daraus die Bereitschaft und die Fähigkeit entwickelt, sich von ihm steuern zu lassen, kommt auf den guten Weg eines erfolgreichen und lustvollen Schießens.

 

Alles in einem

Das Flintenschießen ist jederzeit und allemal dazu geeignet, mit ihm ein mehrtägiges Managerseminar und Führungskräftetraining zu veranstalten. Nicht jeder möchte Manager eines Unternehmens werden, aber sein eigenes Leben sinnvoll zu gestalten ist auch eine Managementaufgabe. Unsere hochentwickelte Zivilisationsgesellschaft strebt nach Sport, Yoga, Entspannungstechniken, Wellness, Gesundheit, Urlaubserlebnissen. Leider wird von dem einen oder anderen allein die Waffe gesehen, wenn es um das Flintenschießen geht. Weit gefehlt, sage ich. Flintenschießen ist alles in einem: Sport, Naturerlebnis, Entspannung, Neugier, Lernen – eine körperliche, geistige und mentale Herausforderung, an der jeder für sich selbst wachsen kann.

Text: Detlef Riechert
Fotos: Lea Behnen