Fahrzeugtest: Range Rover 3.0 TDV6 Diesel Standesgemäß zum Schießstand

In Zeiten, in denen man großen Automobilclubs und ihren Tests, Auszeichnungen und Empfehlungen kritisch gegenübersteht, muss es eine unabhängige Institution geben, die für den ambitionierten Flintenschützen Fahrzeuge testet. Frei nach dem Motto „Einer muss es ja machen!“ haben wir uns dieser Aufgabe angenommen und für unsere Leser den neuen Range Rover getestet.

Erster Eindruck

Wir wussten ja, was uns erwartet. Jeder kennt die Riesen von Land Rover, die mit knapp 200 Sachen auf der linken Spur auf der Autobahn an uns vorbeifliegen. Man fragt sich dann, wie das physikalisch möglich ist, und der nächste Gedanke beschäftigt sich mit der Spritanzeige in dem überwältigenden Geschoss. Auch die muss sich in beeindruckenden Sphären bewegen. Somit waren wir irre gespannt und wollten all diesen Dingen auf den Grund gehen. 
Als uns der Wagen übergeben wurde, waren wir ganz „Profi“, und als die nette Dame wieder weg war, staunten wir nicht schlecht. Der Range Rover ist riesig und uns ist, bis auf amerikanische Geländewagen, kein Modell bekannt, was so imposant daher kommt. Man meint, man müsse sich sofort in Tweed kleiden und die Flinte einpacken. Sofort wurden in der Redaktion Besitzansprüche angemeldet und fadenscheinige Vorwände für das Entführen des Range Rovers vorgetragen.

Fahrverhalten

Wer schon mal einen Defender gefahren ist, den kann so leicht nichts erschüttern. Man könnte glauben, dass man aufgrund des gleichen Herstellers die beiden Fahrzeuge vergleichen kann. Weit gefehlt. 
Im Range Rover fühlt man sich sofort wohl. Das liegt zum einen an der erhöhten und erhabenen Sitzposition zu den anderen Verkehrsteilnehmern und zum anderen an der opulenten Ausstattung. Ein regelrechtes Wohnzimmer-Feeling stellt sich sofort ein. Betätigt man den Startknopf startet der sehr kultivierte 6-Zylinder unseres Testwagens und 258 Pferdestärken stehen zur Verfügung. 
Die erste Fahrt ging durch den Stadtverkehr und über Landstraßen. Da man uns die „kleine“ Maschine zur Verfügung gestellt hat, hatten wir die Befürchtung, dass wir in den nächsten Tagen etwas behäbig unteregs sein würden. Wieder weit gefehlt! Bei freier Straße traten wir dann mal auf das Gaspedal. Das Orchester im Motorraum vor uns begann zu spielen und wir wurden in ca. 8 Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Nicht schlecht für einen Diesel! Ein Blick in die technischen Daten und in die Pressemappe löste einen Teil des Geheimnisses. Die Monocoque-Karosserie und die konsequente Aluminium-Bauweise bringen 420 kg weniger auf die Waage als beim Vorgängermodell. Mit 2,2 t ist der Range Rover sicherlich kein Leichtgewicht, aber im Vergleich zu seinen Vorgängermodellen hat sich deutlich was getan. Und das merkt man dann auch bei der Beschleunigung. 
Auf der Autobahn spielt man auf alle Fälle auf der linken Seite mit. Bis 180 km/h hängt der Range Rover stramm am Gas und man kann mit den anderen Vorzeigemodellen der deutschen Autoindustrie mitschwimmen. Das „Feeling“ ist schon sehr besonders. Man ist absolut entspannt und neigt in keinster Weise zum Rasen. Auch besonders hektische Zeitgenossen können einen nicht aus der Ruhe bringen.Im Stadtverkehr kann man den Range Rover auch einsetzen. Seine Größe macht ihn zwar nicht zum Parkhausbezwinger oder Parkplatzkiller, aber ein umfangreiches Distance-Control-System und eine stattliche Anzahl von Kameras lassen den Wagen sicher durch eine Großstadt manövrieren. Dafür ist er aber nicht gebaut worden. Erst nach einiger Zeit realisierten wir, dass wir ja eigentlich einen Geländewagen unter dem Allerwertesten hatten. Also nichts wir raus in die Pampa. 
Ganz ehrlich? So richtig traut man sich erstmal nicht, den Range Rover so wirklich ran zu nehmen. Zum einen hat man etwas Respekt vor der Größe und zum anderen hat man auch immer Sorge, das noble Schiff zu überfordern. Nach und nach merkten wir allerdings, dass die zweite Heimat des Range Rovers das Gelände ist. Ohne Probleme meistert er Abhänge, unwegsames Gelände und sumpfige Wiesen. Etwas schwumrig wurde uns, als wir einen steilen Weg runterfuhren. Die Bergab-Fahrhilfe hatte alle Mühe, aus dem Fahren nicht ein Rutschen zu machen. Runter war nicht so schwer, aber wir mussten auch wieder hoch. Sorge stand auf den Gesichtern der Crew. Nur ein Traktor hätte uns noch helfen können, falls wir den Matschweg nicht mehr hochkommen. Doch kein Problem für den Range Rover, der mit diversen Geländeprogrammen für jede Aufgabe gerüstet ist. Damit war jeder Zweifel verschwunden. Der Range Rover ist ein Vollblut-Geländewagen, der jede Situation mit Eleganz und High-Tech meistert.

Motorisierung

Wer sich einen Range Rover anschaffen  möchte, hat bei der vierten Generation auch vier Triebwerke zur Auswahl. Alle Varianten haben eine 8-Gang-Automatik mit Schaltwippen am Lenkrad.
Den Anfang macht der 3.0 TDV6 Diesel mit 190 kW bzw. 258 PS. Laut Hersteller beschleunigt der Wagen in 7,9 Sekunden auf 100 km/h. Unser Test hat das im Groben bestätigt, und man kann sagen, dass das für die Größe und das Gewicht ein sehr ordentlicher Wert ist.
Weiter geht es mit dem 4,4L SDV8 Diesel. Da ist dann schon mehr Musik drin. 250 kW bzw. 340 PS treiben den Range Rover voran. Im Vergleich zur 3.0-l-Variante sprintet der Riese dann auch eine Sekunde schneller auf 100 km/h. Den Vogel schießt aber der 5.0 L Supercharged V8 Benziner ab. 375 kW bzw. 510 PS zaubern dem Fahrer und seinen Gästen ein Schmunzeln auf das Gesicht.
Sehr interesant ist noch die Variante Vier. Zum ersten Mal bietet Land Rover einen Diesel Hybrid im Range Rover an. Ein 215 kW bzw. 292 PS starker 3.0-l-Diesel-Motor gepaart mit einem 35-kW-Elektormotor mit einer ZF-Achtstufenautomatik emitiert nur 169 g CO2 auf 100 km.

Verbrauch

Viele sagen, dass der Kraftstoffverbrauch bei so einem Auto keine Rolle spielt, da der Fahrer wusste, worauf er sich einlässt und sich den ein oder anderen Liter sicher leisten kann, wenn er sich einen Range Rover vor die Tür stellt. 
Das ist natürlich großer Unfug, denn neben den Kosten für das Fahrzeug spielten die Wirtschaftlichkeit und die Umweltverträglichkeit immer eine Rolle. Wir waren auf den Verbrauch sehr gespannt und haben uns erstmal nicht von der Herstellerangabe beeindrucken lassen, sondern haben uns unser eigenes Bild gemacht.
Nachdem wir vollgetankt und uns den Kilometerstand notiert hatten, ging es über 1.500 km. Und das war alles dabei: 40 % Autobahn, 30 % Landstraße und 20 % Stadtverkehr. Die paar Kilometer Gelände vernachlässigen wir an dieser Stelle. In den meisten Fällen waren wir mit mehreren im Fahrzeug und der Kofferraum war auch fast immer mit irgendwelchem Kram vollgepackt.
Das Ergebnis kann sich nach Meinung der Redaktion sehen lassen. Wir haben im Durchschnitt 10,6 l auf 100 km verbraucht. An dieser Stelle möchte wir anmerken, dass wir weder nur bergab oder nur mit Rückenwind gefahren sind. Wir haben den Range Rover sowohl mit 190 km/h über die Autobahn gejagt als auch im Stadtverkehr sportlich gefahren. Aus unserer Sicht ist das ein sehr guter Wert. Betrachtet man das Gewicht, die Bauform und die Motorisierung ist der Wert sehr ordentlich. Vergleichbare Fahrzeuge liegen eher drüber oder bestenfalls auf Augenhöhe. Das hat uns schon gewundert, da der Range Rover nicht gerade als Spritsparer bekannt ist. 

Ausstattung

Die Ausstattung ist schnell abgehandelt. Der Range Rover hat alles! Auf ein paar Details soll dennoch eingegangen werden.
Sehr positiv fiel in unserem Test der Spurassistent auf. Durch ein kleines Symbol im Bordcomputer zeigt der Range Rover an, ob er die Straßenmarkierungen erkennt. Überfährt man diese, wird das mit einem Ruckeln am Lenkrad quittiert und man kann direkt seine Richtung korrigieren. Setzt man allerdings den Blinker, um zu überholen, was beim Range Rover öfter mal vorkommt, registriert der Bordcomputer das Manöver und reagiert nicht, wenn man die Mittelline der Straße überfährt.
Ebenso hilfreich ist der Assistent für den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Schaltet man den Tempomat, hält der ­Range Rover den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug konsequent durch selbstständiges Bremsen und Beschleunigen. Für den Abstand gibt es je nach Geschmack zwei Einstellungen. Nach anfänglicher Skepsis lernten wir das System schnell zu schätzen. 
Den Rest handeln wir aus Platzgründen schnell ab: Navi, iPhone-Anbindung, diverse Geländeeinstellungen, Getränkehalter für den Champagner, 12,3-Zoll-Touchscreen, Hifi-Audiosystem, Toter-Winkel-Assistent (sehr geil?... äh gut) usw. Er hat einfach alles, was man von einem Luxusliner erwartet.

Fazit

Es ist unmöglich, den Range Rover objektiv zu bewerten. Wer diese Wagen fährt, entfernt sich von jeder Mittelklasse oder  jedem Vernunftauto. Er wird mehr als begeistert sein, und wem dann noch der Listeneinstiegspreis von 89.000 Euro keine Probleme bereitet, bekommt eine Geländesänfte der Superlative, die in jeder Situation eine mehr als gute Figur macht. 
Der einzige Wermutstropfen ist, dass wir den Wagen nach dem Test wieder abgeben mussten. 


Kommentare

Eine Geländesänfte der Superlative. Der Test hat einen Riesenspaß gemacht. Der Kurztripp mit der Familie sowie die Geschäftsfahrt über die Autobahn sind mit dem Range Rover ein Vergnügen.
Dominik Allartz

Der neue Range Rover hat mich als SUV-Skeptiker eines Besseren belehrt! Da beansprucht eine Marke berechtigterweise die Krone in besagtem Segment. Meine Empfehlung: Zieht Euch warm an in Stuttgart, München und Ingolstadt!
Sebastian Seegenschmiedt

Markantes Design und eine luxuriöse Ausstattung, alleine schon im Basismodell. Selbst mit der kleinsten Motorisierung kommt er mit seinem Gewicht gut klar. Um sicherzugehen, entscheidet man sich aber besser für ein größeres Aggregat. Der Range Rover ist perfekt für Hobbys, die Stauraum benötigen und im Gelände stattfinden, darüber hinaus lässt er einen einfach nur gut aussehen, wenn der Geldbeutel mitspielt.
Rene Maciejewski

„Der kleidet“
Ewald Rangk


 

Text: Dominik Allartz
Fotos: Land Rover, Dominik Allartz