Mythen des Flintenschießens

„Selbstladeflinten sind gefährlich“
Wer hat diesen Satz noch nicht gehört? Oder ihn selbst gedacht? Oder gesagt?
Es ist nie zu spät umzudenken …



Damen im Flintensport
Erfreulicherweise hat der Anteil von Frauen im Schießsport und in der Jagd stark zugenommen. Oberflächlich betrachtet hat es den Anschein, als täten sie sich schwerer mit dem Flintenschießen als ihre männlichen Mitstreiter. Wenn es so ist, liegen nach meiner Meinung die Gründe fast immer in den Sektoren der „Affinität“ und der „Kraft“. Von beidem bringen Frauen im Vergleich zu Männern im Normalfall weniger mit. Wenig Kraft und keine Affinität zur Waffe schaffen zusammen eine unheilvolle Konstellation, die den Einstieg in das Flintenschießen erschwert, ihn extrem verzögern und im schlimmsten Fall sogar unmöglich machen kann, wenn nicht die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden. Die führen in solchen Fällen immer, ausnahmslos und unumgänglich über die Auswahl einer geeigneten Flinte. Dem Körperbau und den Kräfteverhältnissen muss ganz einfach Rechnung getragen werden, sonst wird das Flintenschießen zu einer leidvollen Erfahrung. Ein Krafttraining ist daneben natürlich sinnvoll, aber es wirkt allenfalls langfristig und nur in einem begrenzten Umfang. Die „richtige“ Flinte führt hingegen (fast) immer zur durchschlagenden, unmittelbaren Auflösung des Problems, zusammen mit einem entsprechenden Training natürlich. Was für jeden Schützen gilt, trifft auf die Damen im Flintensport besonders zu:

Ohne ein angemessenes Handwerkszeug geht es nicht!

Die Selbstladeflinte
Leider werden auf der Suche nach der „richtigen“ Flinte Selbstlader oft von vornherein ausgeschlossen, weil sie mancherorts – wie ich meine völlig zu Unrecht – verpönt und manchmal sogar gesellschaftlich geächtet sind. Das ist so schade, weil genau dieser Waffentyp – die Selbstladeflinte – gerade für eine Dame das ideale Gerät sein kann.

Zunächst eine Betrachtung zur Sicherheit. Jede Waffe ist gefährlich. Daran gibt es nichts zu deuteln. Ist aber eine Selbstladeflinte gefährlicher als eine Doppel-
flinte? Lädt man beide mit je einer Patrone, sind nach ihrem Abfeuern beide Flinten  „leergeschossen“. Lädt man sie mit jeweils zwei Patronen, kann in beiden Fällen, nach dem Schießen der ersten Patrone, die zweite allein durch ein nochmaliges Betätigen des Abzuges abgefeuert werden. Bis hierhin gibt es keinen Unterschied. Dass die Selbstladeflinte auch mit einer dritten Patrone geladen werden kann, macht sie deswegen in meinen Augen nicht gefährlicher. Ob man ein Unheil mit der ersten, der zweiten oder der dritten Patrone anrichtet, welchen Unterschied würde das machen? Aber man muss sie ja nicht mit zwei, geschweige denn mit drei Patronen laden. Dass die Möglichkeit des Ladens mit drei Patronen besteht, heißt nicht, dass man sie ausschöpfen muss. In meinen Seminaren laden wir alle Flinten grundsätzlich nur mit einer Patrone. Generell dürfen auf den Schießständen Flinten welcher Bauart auch immer maximal mit zwei Patronen geladen werden. Es gibt einen, wirklich nur kleinen Unterschied zwischen einer Doppelflinte und einem Selbstlader, sicherheitstechnisch gesehen. Wenn eine Bockdoppelflinte gebrochen ist, sieht man das von allen Seiten. Wenn der Verschluss einer Selbstladeflinte geöffnet ist, sieht man das nur von der Seite, auf der sich der offene Verschluss befindet. Weil aber eine Selbstladeflinte außerhalb der „Schießsituation“ mit dem Lauf nach oben getragen werden muss, was wiederum von allen Seiten gesehen wird, halte ich den „kleinen Unterschied“ für akzeptabel. Selbstladeflinten werden häufig vorschnell ausschließlich mit der höheren Magazinkapazität in Verbindung gebracht. Für mich ist die Anzahl der Patronen, die man laden kann, das uninteressanteste Merkmal eines Selbstladers. Denn schießtechnisch gesehen liegen erhebliche Vorzüge im Spielfeld der Selbstladeflinte:

• Sie ist meist leichter als eine Bockdoppelflinte.

• Da ein Teil der im Schuss frei werdenden Energien für den Ladevorgang benötigt wird, wird der Rückstoß einer Selbstladeflinte schwächer empfunden als der einer Doppelflinte.

• Konstruktionsbedingt befindet sich ein erheblicher Teil des Gesamtgewichtes einer Selbstladeflinte – Verschluss und Gehäuse – zwischen den Händen des Schützen. Alles, was sich dort befindet, kann wegen der Hebelwirkung leichter gehoben werden als das, was vor den Händen ist. Vor den Händen gibt es nur einen Lauf statt zwei bei einer Doppelflinte. Ein zusätzlicher Vorteil besteht für Rückstoßlader, weil im Gegensatz zum Gasdrucklader keine für den Ladevorgang benötigten Teile unter dem Vorderschaft angebracht sind.

• Mit einem längeren Zeigestock lässt sich im Prinzip besser zeigen als mit einem kürzeren. Bei gleicher Lauflänge ist die Schiene einer Selbstladeflinte etwa um 10 cm länger als die einer Doppelflinte, weil bei ihr hinter dem Patronenlager der Verschluss mit einer darüberliegenden Schiene positioniert ist. Bei einer Bockdoppelflinte schließt hinter dem Patronenlager sofort die Basküle an. Eine Selbstladeflinte kommt deshalb beispielsweise mit einer Lauflänge von nur 61 cm auf eine Schienenlänge von etwa 71 cm, also der einer normalen Bockdoppelflinte. Das vor den Händen liegende Gewicht wird auch dadurch nochmals gesenkt. An der Mündung „fehlen“ 10 cm – wegen der Hebelwirkung ist das ein wichtiger Unterschied – aber der „Zeigestock“ ist trotzdem 71 cm lang.

Wer mit seinen Kräften haushalten muss, und das kann durchaus auch bei einem Mann der Fall sein, sollte sich ernsthaft mit den charakteristischen Eigenschaften einer Selbstladeflinte auseinandersetzen. Die Suche nach dem besten Sportgerät sollte nicht durch diffuse Ängste und unbegründete Vorbehalte, die andere haben, behindert werden. Wer es dennoch tut, beraubt sich möglicherweise der besten Lösung. Ein gesundes Selbstbewusstsein ebnet den Weg zur richtigen Entscheidung, die man in seinem Umfeld dann auch gerne „missionarisch“ vertreten kann.

Nun wird mancher trotzdem fragen, wie man denn einem Anfänger einen Selbstlader in die Hand geben kann? Meine Antwort wäre, solange man einem Anfänger eine Bockdoppelflinte, geladen mit zwei Patronen, in die Hand gibt, kann man das auch verantworten. Wenn man außerdem die Selbstladeflinte nur mit einer Patrone statt mit zweien lädt, spätestens dann sollten alle Bedenken zerstreut sein.

Der schlechte Ruf der Selbstladeflinten wurde in der Vergangenheit vor allem von denen erzeugt, die auf der Jagd schlechte Schießleistungen mit einer höheren Magazinkapazität zu kompensieren versuchten. Das ist natürlich völlig inakzeptabel, heute wie damals. Aber jemand, der sich ernsthaft mit dem Erlernen einer guten Schießtechnik auseinandersetzt und alle Maßnahmen umsetzt, die ihn in diesem Vorhaben unterstützen können, der sollte nicht nur über solche Gedanken und Zweifel erhaben sein, sondern der ist es auch. Wenn eine Selbstladeflinte einen Beitrag zur Verbesserung der eigenen Schießfertigkeit leisten kann, sollte man ihn dankbar annehmen. Eine kleine Bemerkung am Rande: Die deutsche Meisterschaft im Jagdparcoursschießen wurde schon mit einer Selbstladeflinte gewonnen!

Text: Detlef Riechert Bild: Dominik Allartz

Auszug aus:
Flintenschießen mit Detlef Riechert
Band 2 – Die Stufen zum Erfolg
Erschienen im epubli-Verlag
ISBN: 978-3746748894