Intuition

Blaser F16 für Damen

Es war ein seltener Vormittag, an dem ein Vakuum enstehen wollte. Der Schießstand war gebucht, der Terninkalender geblockt, aber mein Kunde musste unseren Termin verschieben. Den Stand absagen wollte ich nicht. Im Waffenschrank stand seit ein paar Wochen eine Blaser-F16-Damenflinte, die ich schon zu einigen Seminaren mitgenommen, aber noch nicht selbst geschossen hatte. Ein früher, wirklich Lust machender Frühlingstag zog herauf. Sonne, blauer Himmel – ein Tag, wie man ihn sich wünscht. Wohltuende Wärme breitete sich aus. Nach so vielen nasskalten Tagen, die ich in den vergangenen Monaten auf Schießständen verbracht hatte, gab es kein Halten mehr. Hinaus in die Natur!

Flintenschießen macht Spaß
Mir war danach, etwas zu tun, was richtig Spaß macht. Das „Schießen aus der Hüfte“ habe ich zu einem Programmpunkt meiner Seminare gemacht, wann auch immer ich auf Teilnehmer treffe, die ihre Flinte sicher handhaben können und über eine entsprechende körperliche Fitness verfügen. Ich bin begeistert von dieser „Disziplin“, weil man es kaum auf eine andere Weise innerhalb weniger Minuten derart auf den Punkt bringen kann, auf welchen Eckpfeilern das harmonische und gleichzeitig erfolgreiche Flintenschießen steht.

Also die Blaser ausgepackt, einen Karton Schrotpatronen auf Stand 1 des Skeet-Standes gekarrt und los ging es. Die Funkfernbedienung auf den Boden gelegt, die Flinte mit einer Patrone geladen, in die Hocke gehen und die Niederhaustaube auslösen, aufrichten und zur Taube hindrehen, die Bewegung umkehren, den Oberkörper mit der Taube mitdrehen, mit der Flinte auf die Taube zeigen, am Ende den Oberkörper im Sinne des „Pull Away“ der CPSA-Methode ein wenig schneller drehen, ohne anzuschlagen „aus der Hüfte“ abdrücken und den Oberkörper weiterdrehen. Der erste Schuss war gleich ein Treffer und das nächste Dutzend auch. Nun machte ich das nicht zum ersten Mal, aber die Gleichmäßigkeit und Regelmäßigkeit, ja die Leichtigkeit, mit der die Treffer entstanden, überraschte mich doch. Es war gar nicht meine Absicht, heute einen Flintentest durchzuführen, aber auf einmal war ich mittendrin. Denn die hohe Trefferquote hatte natürlich etwas mit der Flinte zu tun. Sie ließ sich leicht, aber gleichzeitig kontrolliert bewegen. Im Schuss blieb sie ruhig, sprang weder aus der Hand noch aus der Richtung. Die methodische Körperdrehung im Kontakt mit der Wurfscheibe – mit dieser Flinte war das ohne jegliche Mühen möglich. Nach einer Weile konnte ich sogar die Flinte geöffnet lassen und sie erst schließen, nachdem ich die Taube gedrückt hatte, ohne dass es einen Einfluss auf die Trefferquote hatte.

Das Schießen „aus der Hüfte“
Mit dem Schießen „aus der Hüfte“ schlägt man „zwei Fliegen mit einer Klappe“. Zum einen trainiert man seine sensomotorische Schießfertigkeit. Zum anderen verschafft man sich mehr als nur einen Eindruck, wie leicht oder wie schwer man mit (s)einer Flinte zeigen kann. „Aus der Hüfte schießen“ ist ein ebenso furchtbarer wie falscher Ausdruck für das, was ich meine. Furchtbar, weil er mehr an Rambo erinnert als an die edle Kunst des Flintenschießens. Falsch, weil niemand, der mit seinem Finger auf eine Wurfscheibe zeigen will, auf die Idee käme, seine Hand seitlich neben seinen Körper an die Hüfte zu legen. Ich verwende die Redewendung auch nur so lange, bis ich erklären kann, was ich meine.

Es ist unglaublich einfach, die Seelenachse einer Flinte vor – nicht neben (!) – seinem Körper in die Blickrichtung des Anschlagsauges zu bringen und alle Seitenbewegungen ausschließlich mit dem Oberkörper zu erzeugen. Man muss nur die Taube durchgängig anschauen, die Kraft und Kondition für diese Übung besitzen, und die Flinte muss es ermöglichen. Das sind verschiedene Dinge, die zusammentreffen müssen, wenn es funktionieren soll. Je weiter man die Flinte nach vorne von sich wegschiebt, umso leichter wird ein Treffer möglich. Die Ausrichtung der Seelenachse in der Blickrichtung des Anschlagsauges ist so besser zu kontrollieren. Nennen wir es eine Art von „Erwartungshaltung“, aus der ohne anzuschlagen geschossen wird. Es ist nicht die Erwartungshaltung, weil die in einem engeren, wenn auch nur leichten, Kontakt mit dem Körper stattfinden würde, während in der „Quasi-Erwartungshaltung“ die Flinte einen erheblichen Abstand vom Körper haben kann. Es sollte an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass die Übung in der korrekten „Schießhaltung“ erfolgt, also zum Beispiel mit nach vorne gebeugtem Oberkörper. Das hat mehrere Gründe. Einer von ihnen ist der leichtere Übergang zum späteren (!) Trainieren der Anschlagstechnik.

Im Kopf kann der Anschlag stören
Wann ich auch immer jemanden zum ersten Mal trainiert und ihn gebeten habe, mit seiner Flinte auf eine Stelle zu zeigen, ist der in den Anschlag gegangen. Schießen und treffen wollen, das wird oft mit dem Anschlagen der Flinte gleichgesetzt. Das Zeigen hat aber nichts damit zu tun, dass man den „Zeigestock“ an das Jochbein und in die Schultertasche führt. Zeigen heißt, in jeder Phase der Bewegungen den Weg der Seelenachse zu kontrollieren. In welcher Höhe, bezogen auf das Jochbein und die Schulter, der Hinterschaft sich auch immer befindet – die entscheidende Frage ist: In welcher Richtung und Höhe, horizontal und vertikal, ist die Verlängerung der Seelenachse, „the line of departure“, ausgerichtet? Denn in dieser Richtung fliegen die Schrote. Ausgerechnet der Anschlag kann es sein, der am ehesten ein kontrolliertes Zeigen verhindern kann. Das geschieht immer dann, wenn der Hinterschaft ohne eine ausreichende Verbindung der Seelenache mit der Wurfscheibe bewegt wird. Wenn sich der Kopf mehr damit beschäftigt, wo die Schultertasche ist und das Jochbein und wie man dort mit dem Hinterschaft hinkommt, gehen schnell die Sensomotorik und der Kontakt zum Ziel verloren.

Den Beweis für die Richtigkeit dieser These habe ich an jenem Morgen ungewollt selbst erbracht. Als ich nämlich irgendwann „mit Anschlag“ schoss, kam mir das schwieriger vor als „ohne Anschlag“, was sich in einer höheren Quote von Fehlschüssen dokumentierte. Die Erklärung dafür ist naheliegend. Da die Damenflinte mir überhaupt nicht passte, allein schon wegen des sehr kurzen Hinterschaftes, musste ich schon einige Aufmerksamkeit darauf verwenden, was „hinten“ passierte. Diese Aufmerksamkeit fehlte dann natürlich „vorn“.

Jeder kann sich innerhalb weniger Minuten zu einem Treffer der oben beschriebenen Niederhaustaube aus der „Quasi-Erwartungshaltung“ hinarbeiten. Vorausgesetzt, seine Flinte erlaubt es ihm! Das Treffen in dieser Übung funktioniert natürlich nicht mit allen Flinten gleich gut. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die „Pointability“.

Software meets …
Auf der Seite der Schießtechnik funktioniert der Lernprozess in Stufen. Zuerst gilt es zu begreifen, wie viel Zeit man hat und dass alle hektischen, schnellen Bewegungen zerstörerisch wirken, weil sie einen Kontakt mit dem Ziel gar nicht erst entstehen lassen. Sobald man sich auf eine harmonische Bewegung des Oberkörpers im engen Kontakt mit der Wurfscheibe einlässt und ein Gefühl für die „line of departure“, die Verlängerung der Seelenachse, entwickelt, kommen die Treffer.

… Hardware
Erst die Paarung der Schießtechnik mit der Flinte macht es. Die Übung funktioniert mit der einen Flinte besser, mit einer anderen schlechter und mit manchen gar nicht. Software meets hardware – wenn eine gute Bewegungstechnik auf die „bestgeeignete“ Flinte trifft – dann erst kann es richtig gut werden.

Meine Erfahrungen mit der Damenversion der Blaser F16 an diesem Morgen haben mich so beeindruckt, dass ich, zu Hause angekommen, zuerst im Internet nachschaute, welchen Namen die Produktentwickler diesem Modell wohl gegeben haben.

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„Intuition“Nomen est omen

 – las ich. Nomen est omen. Der Name passt. Das ist kein „Kataloggeschwafel“, sondern hinter diesem Namen stehen harte Fakten.

Eine Menge von Faktoren und Konstruktionsmerkmalen schaffen zusammen den Charakter einer Flinte. Wie gut man mit ihr zeigen kann, hängt von der Summe all dieser Details ab. Da ist das Gesamtgewicht zu nennen, die Verteilung des Gewichtes entlang der Flinte, die Länge ihrer Läufe, wie man die Flinte mit der rechten und der linken Hand greifen und halten kann, also die Ausgestaltung des Pistolengriffes und des Vorderschaftes, die Abzugscharakteristik, und viele andere Dinge mehr. Die Konstrukteure einer Markenflinte sind Experten, die so viel an Wissen und Können in die Entwicklung ihrer Flinte stecken, dass das von einem Schützen nicht in allen Einzelheiten nachvollzogen und verstanden werden kann. Das ist aber auch gar nicht notwendig. Dem Schützen mag es genügen zu fühlen, ob es gut, ob es besser oder schlechter ist als mit einer anderen Flinte.

Intuition heißt nicht „Wischiwaschi“. Das wäre nicht genug. Die Schrotgarbe ist dort, wo die Niederhaustaube an Stand 1 vorbeifliegt, nicht größer als ein Handball. Intuition ist eine Eingebung, das unmittelbare Erfassen eines komplexen Vorgangs ohne über die Details zu reflektieren. Die Anforderungen, die ich an diesem sonnigen Vorfrühlingstag an „meine“ Flinte stellte, erfüllte die Blaser F16 Intuition in großartiger Weise. Offensichtlich wissen ihre Konstrukteure, was sie erreichen wollen und wie das auszuführen ist.

Beim Schießen ohne anzuschlagen spielen Schaftmaße natürlich keine Rolle. Folglich kommt in diesem Fall die Gestaltung des Hinterschaftes der F16 speziell für die Kundengruppe der Damen überhaupt nicht zum Tragen, außer die Ausbildung des Griffes am Hinterschaft, die Lage des Abzuges und die Form des Vorderschaftes. Beim Schießen ohne anzuschlagen kristallisieren sich aber die viel wichtigeren Kernpunkte heraus, nämlich die „Zeigfähigkeit“ und die Abzugscharakteristik. Beide habe ich als hervorragend empfunden. Der Name „Intuition“ sagt mir, ich darf mich mit dieser Flinte auf „intuitive“ Bewegungen einlassen. Der Anschlag tritt in seiner Bedeutung dahinter erst einmal zurück. Natürlich sind auch am Schaft die folgerichtigen Maßnahmen getroffen worden wie zum Beispiel die Ausgestaltung als Monte-Carlo-Schaft und der geänderte Pitch. So dass man (Frau!) die Flinte natürlich auch anschlagen kann …

Last, but not least
Ich kann jedem nur empfehlen, das Schießen aus der „Quasi-Erwartungshaltung“  oder der „Erwartungshaltung“ zu üben. Das muss selbstverständlich unter Beachtung aller Sicherheitsregeln und außerhalb des öffentlichen Schießens geschehen. Keine andere Übung legt schonungsloser offen, wo die Baustellen liegen, sowohl hinsichtlich der Fortentwicklung des eigenen Könnens als auch der Beantwortung der elementar wichtigen Frage, ob man die „richtige“ Flinte führt. Außerdem ist aus diesem Training heraus eine ganz andere Entwicklung der Anschlagstechnik möglich, als sie – wohl in den meisten Fällen – vorgenommen wird.

Text und Fotos: Detlef Riechert