Die USA locken noch immer – Flintenschießen sowieso ...

The Great American West

(hjr) Wir können es nicht lassen: Ein Jahr ist schnell um und Amerika reizt uns nach wie vor. The Great American West – das sind die Staaten Idaho, Montana, Nord- und Süddakota sowie Wyoming. Sitting Bull. General Custer. Little Big Horn. Vermutlich jeder Junge und wohl auch einige Mädchen haben in Kindertagen eines der Bücher über die vielleicht berühmteste Indianerschlacht der Geschichte gelesen. Buffalo Bill, Rodeos, Mt. Rushmore, Yellowstone, die Rocky Mountains...

Unsere Reisezeit müssen wir diesmal anders planen, denn das Zeitfenster für diese Gegend ist knapp. Meine Frau hat Monate mit der Vorbereitung verbracht. Es bleiben nur die Sommermonate. Bereits Ende September läuft man dort oben Gefahr, diverse Straßen und erst recht Passstraßen wegen Schneefalls nicht befahren zu können. Aber wir wollen ja nicht zum Wintersport. Wir starten unsere Reise in Salt Lake City, Utah. Ob der großen Entfernungen (wir werden schon ohne Ausflüge 1.400 Meilen fahren müssen) fällt das Auto diesmal etwas größer aus. So lange wir das noch dürfen ...

Von SLC gehts Richtung Norden. Auf Antelope Island begegnen uns gewaltige Bisonherden. Bei Twin Falls, Idaho, schauen wir staunend auf die Shoshone Falls, auch als „Niagara of the West“ bezeichnet. Der Snake River stürzt sich hier beeindruckend in die Tiefe und für viele sind diese Wasserfälle schöner anzuschauen als die berühmteren Niagara Falls. Weiter Richtung Norden erreichen wir „Crater of the Moon“. In dieser bizarren Landschaft haben sich 1969 amerikanische Mondfahrer vorbereitet. Auf dem Weg nach Jackson, als Ausgangspunkt für den Besuch des Yellowstone-Nationalparks, besuchen wir Arco, die erste komplett durch Atomstrom versorgte Stadt der Welt, und bei Atomic City den Forschungsreaktor EBR-1. Von Jackson Hole, Wyoming, aus in den Grand Teton NP und am nächsten Tag in den Yellowstone mit Old Faithful, Grand Prismatic Spring u. v. m. Ach, hätten wir doch nur mehr Zeit. Allein hier könnten wir wohl eine ganze Woche verbringen ...

Jetzt gehts nach Cody, Wyoming. Buffalo Bill Center of the West. Neben weiteren Museen und einer Forschungsbibliothek beherbergt es auch das Cody Firearms Museum, mit über 7.000 Waffen eine der größten Sammlungen dieser Art. Wir haben Glück. Die Ausstellung wurde nach Rekonstruktion erst im Juni wiedereröffnet. Und meine Frau hat Verständnis für mich. Patentmuster, Prototypen, sortiert nach Ländern, Epochen, Arten, Verwendungszweck. Neben z. B. dem Winchester-Revolver (!) Mod. 1883 finden sich eine 20er-Revolverflinte Colt-Patterson von 1839 und ein Haenel-Luftgewehr 303 von 1985. Auch hier könnte man(n) durchaus mehr Zeit verbringen ... Abends noch ein Rodeo und mal wieder ein richtiges Steak.

Am nächsten Tag steht mit 900 km unsere weiteste Tour an. Sie führt uns weiter nach Norden zum Little Big Horn-Battlefield, dann wieder südlich nach Sheridan und nach einem fantastischen Sonnenuntergang am Devil’s Tower weiter nach Keystone, South Dakota. Wir kommen erst um 21 Uhr dort an und sind ziemlich down. Aber mit dem Drink in der Hand sitzen wir auf der Hotelterrasse und genießen den Blick auf Mt. Rushmore – besser gehts nicht.

Tags darauf natürlich zu den vier hier verewigten Präsidenten: Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln. Den Autokennzeichen nach zu urteilen, ist ganz Amerika hier versammelt. Nach einem Besuch am Crazy Horse Monument gehts nach Cheyenne, Wyoming, und am nächsten Tag über die I-25 weiter Richtung Denver. Etwa eine Stunde nördlich davon liegt der Ort Nunn, Colorado. Muss man vielleicht nicht kennen. Es sei denn, man(n) ist Flintenschütze! Endlich – Great Guns Sporting. Von der unbefestigten Straße dorthin ist schon von Weitem ein Turm zu sehen, der an den Schießplatz Lichteberg in Sachsen erinnert. Den Stand hatte ich vorab kontaktiert und vom Manager auch eine überaus freundliche Antwort erhalten. Kevin „Mike“ Quast entschuldigt sich – weil er uns in Arbeitssachen begrüßt ... Er zieht sich fix um, wir schauen uns derweil die weitläufige Anlage an und dann ist Kevin gern bereit, meine Fragen zu beantworten.

Im Sommer 1996 eröffnet, wird Great Guns Sporting (www.GreatGunsSporting.com) von Sportschützen und Jägern aus einem Umkreis von etwa 2 h zu Training und Wettkampf ebenso genutzt wie für das in den USA übliche Selbstverteidigungstraining. Der Club hat knapp 1.600 Mitglieder, darunter viele Frauen und etliche Wettkampfschützen. Etwa 120 Kinder gehören auch dazu, denen hier im Rahmen des Scholastic Clay Target Program (SCTP) mit Spaß der sichere und verantwortungsvolle Umgang mit den Waffen beigebracht wird.

Die Flintenschützen nutzen zu 80 % BDF, hauptsächlich Browning und Beretta, aber auch Krieghoff und Blaser, vereinzelt sogar Merkel. Der Rest halt die sonst eher üblichen Semi-Auto. Leihwaffen sind vorhanden, Munition im Shop sowieso.

Die Anlage bietet auf 240 acres (ca. 260 ha) Kurz- und Langwaffenstände von 10 bis 300 Yards, eine Action-Area, fünf Trap- und zwei Skeetstände, Five-Stands, eine Bogensportanlage, Schulungsräume und Gastronomie. Aber vieeel wichtiger: ein Sporting-Stand mit 15 Stationen!

Alles solide Holzkonstruktionen, stabile Waffenständer, zwischendurch Wasserspender. Jede Station verfügt über drei Maschinen: A für einfach, B für mittel und C für schwer. Hohe, flache, schnelle, weite. Über Kopf, Incomer, Rollhasen, Mini, Midi, Teal, Battue. Alles dabei. Die Maschinen werden monatlich umgestellt, damit bei den regelmäßigen Schützen keine Langeweile aufkommt. Die Stände sind sogar mit dem eigenen Auto anzufahren, Platz ist genug.

Bei Wettkämpfen mag das allerdings anders sein. Eine Leihflinte (eine „Drake“ von CZ) ist schnell gefunden und dazu ein halber Karton Munition sollte reichen. Der Manager lässt es sich nicht nehmen, mit uns die Anlage abzufahren, alles zu erklären und mir dann sogar jede einzelne Scheibe zu drücken. Wir nehmen uns Zeit und haben jede Menge Spaß. Manch eine „C“ schießt sich einfacher als gedacht und manch eine „A“ erweist sich als recht widerspenstig. Kevin ist sieben Tage in der Woche auf der Anlage und schießt regelmäßig. Aber auch er trifft nicht alle Scheiben ...

Einen Monat später findet auf der Anlage ein Wettkampf statt – ob ich nicht in vier Wochen wiederkommen möchte? Würde ich ja sehr gerne ... Kevin ist auch Jäger und hat zwei – Achtung! – Deutsch Drahthaar, die er mit deutschen Kommandos nach dem üblichen deutschen Regelwerk ausbildet und für das er selbst auch als Richter bei der Verbandsherbstzuchtprüfung zugelassen ist. Beide Hunde haben bereits die Verbandsjugendprüfung erfolgreich absolviert. Da klingt wohl berechtigter Stolz mit. Das amerikanische „Sitz!“ klingt allerdings irgendwie... anders. Aber „Bertram“ gehorcht!

Die Zeit vergeht wie immer viel zu schnell, wir bedanken uns beim Manager für seine Gastfreundschaft und verabschieden uns bei ihm und seinem Team. Thank you „Mike“! Nach Denver, Colorado, ist es noch eine gute Stunde. Wir wollen den Nachmittag geruhsam ausklingen lassen und die letzten drei Tage in Denver genießen. Es gibt noch so viel zu sehen: Denver Art Museum, Red Rocks Amphitheatre, das Grab von Buffalo Bill - die Rocky Mountains liegen vor der Tür ...

Übrigens: Am Ende waren es über 3.600 km und jeder einzelne hat sich gelohnt.

Text: Hans-Joachim Raabe
Fotos: Autor und H. Deicke