86 Jahre Flintenschießen im Wandel der Zeit: Tontaubenschießverein St. Hubertus Bedburg e.V.

Hinter dem Vereinsnamen vermutet man nicht unbedingt (heute würde man wahrscheinlich nicht mehr von Tontauben und Verein sprechen, sondern eher von Wurfscheiben und Club), dass sich dahinter ein modern aufgestellter Verein verbirgt, der sich seit 86 Jahren dem Flintenschießen verschrieben hat. Aber beginnen wir am Anfang:


Bedburg, gelegen inmitten des rheinischen Braunkohlereviers und von diesem stark geprägt, damals umgeben von wildreichen Niederwildrevieren…

1927

Am 20.4.1927  trafen sich 11 Bedburger Jäger und gründeten einen Verein. Bis heute trägt der Verein den damals festgelegten Namen  „Tontaubenschießverein St. Hubertus Bedburg“  (später e. V.). Ausschlaggebend für die Gründung war, die „ruhige Zeit der Niederwildjagd“ (März bis September) zu überbrücken und sich in dieser Zeit im Flintenschießen zu üben. Schon bei diesem ersten Treffen wurde eine Satzung verabschiedet, noch heute finden sich Teile dieser Satzung in der aktuellen Fassung wieder.
Damals strebte man nicht unbedingt an, sich vielen Interessenten zu öffnen, deshalb wurde die Mitgliederzahl auf 20 begrenzt. Anderseits wurde aber auch schon festgelegt, dass Gäste jederzeit willkommen sind.
Schon in jenem Jahr wurde das erste „Preisschießen“ durchgeführt.
Geschossen wurde damals in einer Sandgrube in der Nähe von Bedburg. Es stand eine Trapmaschine zur Verfügung, die vom damaligen ortsansässigen Zahnarzt gestiftet war.
Der Jahresbeitrag belief sich auf  8 RM.
1928 wurde ein neuer Vorsitzender gewählt, Peter Jülichmann (Zahnarzt). Dieser hat dieses Amt bis 1963 wahrgenommen und wurde dann von seinem Sohn Hans Horst Jülichmann abgelöst. Dieser prägte die weitere Entwicklung des Vereins maßgeblich. Der Enkel von Peter Jülichmann ist heute 2. Vorsitzender im TTSV.

1930

Am 24.4.1930 wurde der „Tontaubenschießverein St. Hubertus, Bedburg e. V.“ in das Vereinsregister eingetragen. Anwesend bei der in jenem Jahr stattgefunden Jahreshauptversammlung waren 14 Mitglieder.
Kriegswirren…

3.4.1941

Die vorläufig letzte Jahreshauptversammlung. Aus dem vorliegenden Protokoll ist zu entnehmen, dass sechs Mitglieder teilgenommen haben. Aus der Kasse wurden 50-Gramm-Fleischmarken gespendet. Das Protokoll gibt auch Folgendes wieder (Zitat): „Da die Tommys uns an dem Abend nicht überraschten und Fliegeralarm ausblieb, hielten die Mitglieder es für angebracht, noch einige gemütliche Stunden zusammenzubleiben. Im Verlaufe des Abends, bei einem kühlen Tropfen und angeregter Unterhaltung, wurden Pläne für die Zukunft ins Auge gefasst. Josef Hohenschon, Kassierer“

11.7.1952

Im Bahnhofsrestaurant Bedburg fand die erste Jahreshauptversammlung des TTSV  nach dem Kriege statt. Einige Mitglieder hatten bereits durch Eigenleistung und Materialspenden dafür gesorgt, dass sich in einer Sandgrube (Sandgrube Weiß) in der Nähe von Bedburg ein „mustergültiger“ Werferbunker im Bau befand. Der neue Aufnahmebeitrag wurde auf 10 DM festgelegt. Außerdem wurde beschlossen, dass eine einmalige Umlage von 3 DM von jedem Mitglied erhoben wurde, um wieder einen Kassenbestand aufzubauen. Das erste Schießen fand am 13.7.1952 statt.

1955

Das erste Preisschießen nach dem Kriege wurde mit  42 Teilnehmern durchgeführt.
Zu diesem Zeitpunkt war der TTSV ein „regionaler Verein“, der eine Trapanlage, wie damals üblich, mit „angeschlossenem kleinen Kugelstand“ betrieb. Viele gleichgeartete Vereine gab es damals in unmittelbarer Nachbarschaft. Leider sind sie heute so gut wie alle verschwunden. 

1956

H.W. Weferling, eines der ersten Mitglieder, stiftete einen Wanderpokal. Diese Stiftung ist der Ursprung des heute immer noch stattfindenden vereinsinternen „Pokalschießens“. Zu der Zeit, bis Ende der sechziger Jahre, wurden die Preise zu diesem Wettkampf von den Mitgliedern gestiftet. Sozusagen ein „Wichteln“ unter Flintenschützen.

1957

30-ähriges Bestehen des Vereins. Der Verein hatte zwischenzeitlich Kontakte nach Köln, Essen, Düsseldorf und Wuppertal. Immer mehr Gäste besuchten die Übungs- und Preisschießen. Der Verein hatte 52 Mitglieder. Beim Preisschießen wurden 1000 Tauben geschossen.

1973

Immer gab es schon in der Vergangenheit Auflagen der Behörden, doch 1973 wurde eine neue „Schießstandverfügung“ seitens der Behörden erlassen, die einen kompletten Umbau des Schießstandes erforderten.
Aber auch diese Herausforderung nahm der TTSV an und setzte sie um. Es wurde weiter geschossen – im Gegensatz zu anderen Wurftaubenständen, die aufgeben mussten.
Wie schon beschrieben, befindet sich Bedburg mitten im rheinischen Braunkohlenrevier. Deshalb war klar, dass auch der TTSV irgendwann von den Veränderungen, die der Tagebau mitsichbringt, betroffen sein würde.

1977

50-jähriges Bestehen des Vereins. Gleichzeitig wurde aber auch bekannt, dass die Sandgrube, in dem der TTSV seine Schießanlage betrieb, dem Tagebau geopfert werden musste. Der TTSV verlor somit seinen Stand.
Andere Schießstandbetreiber in der Umgebung waren früher oder später in der gleichen Situation, aber im Gegensatz zu ihnen nahm der Vorstand des TTSV auch diese existenzielle Herausforderung an und schaute in die Zukunft. Statt sich einen Ausgleich zahlen zu lassen, verhandelte man mit dem Bergbaubetreiber (Rheinbraun, heute RWE Power) über eine Ausgleichsfläche, um einen neuen Schieß-stand zu bauen.
Diese Verhandlungen waren erfolgreich und  am …

24.5.1980

… fielen die ersten Schrotschüsse auf der neuen Schießanlage „Gürather Höhe“. Eine Fläche von 9,8 ha war über einen Zeitraum von 99 Jahren gepachtet worden und stand zur Verfügung.
Vorausschauend wie der damalige Vorstand des TTSV war, wurde nicht nur eine Trap-, sondern auch eine Skeetanlage geplant, die gleichzeitig betrieben werden kann. Außerdem war noch genügend Areal vorhanden, einen Kugelstand zu bauen. Ein Teil der Fläche wurde der Kreisjägerschaft zur Verfügung gestellt, um dort einen Kugelstand, bestehend aus 4 x 100-Meterbahnen, einem laufenden Keiler und einem Pistolenstand zu errichten.
Die Mitgliederzahl war auf 102 angewachsen.

1988

Die Kugelschießstände wurden fertiggestellt und am 31.10.1988 wurde ein „Nutzungsvertrag“ zwischen der Kreisjägerschaft und dem TTSV abgeschlossen, der den gemeinsamen Betrieb der Schießanlage regelt. Bis heute wurde diese Vereinbarung mehrfach überarbeitet und den veränderten Rahmenbedingungen angepasst, aber vom Grundsatz her besteht diese Zusammenarbeit noch heute.
Eine weitere Herausforderung stellte sich Mitte der 80er zusätzlich. Die Kreispolizeibehörde als Genehmigungsbehörde wurde verklagt mit dem Ziel, die bestehende  Genehmigung zurückzunehmen. Dies wäre dann das Ende der Schießanlage gewesen. Es kam zu einem Prozess, der vom TTSV-Vorstand begleitet wurde. 1988 wurde das Verfahren in Form eines Vergleiches abgeschlossen, und am 28.9.1988 erhielt der TTSV von der Kreispolizeibehörde einen neuen Bescheid zum Betrieb der Wurftaubenstände zugestellt. Er regelte die neuen (eingeschränkten) Schießzeiten.
Leider war dies aber nicht die letzte existenzielle Herausforderung.

2000/2001

Der Verpächter des Grundstückes beschloss, dass Grundstück zu verkaufen. Natürlich waren auch die finanziellen Mittel, man sprach über einen Kaufpreis von 160.000 DM, nicht vorhanden. Zwar war die  Schießanlage über einen langfristigen Pachtvertrag vorerst gesichert, aber es zeichnete sich ab, dass evtl. Käufer darüber hinaus kein Interesse hatten, das Grundstück weiter an den TTSV zu verpachten. Für den Verein standen mehrere Optionen zur Diskussion:
Man lässt zu, dass ein Dritter das Grundstück kauft, in der Hoffnung, dass man sich bei Auslauf des Pachtvertrages dann über einen neuen Pachtvertrag und eine neue Pacht einigt.
Man sucht einen „Partner“, um gemeinsam mit diesem das Grundstück zu kaufen und anschließend die Schießanlage gemeinsam zu betreiben.
Man versucht, die finanziellen Mittel alleine aufzubringen.
Der Vorstand entschied sich zu Letzterem und am 20. 2. 2001 wurde das Grundstück von RWE Rheinbraun AG Power gekauft. Die Hälfte des Kaufpreises wurde sofort bezahlt, der Rest in zehn Raten getilgt. Bedingt durch die hohen jährlichen Belastungen musste der Vorstand sehr gut wirtschaften, und es konnten eigentlich keinerlei Rücklagen gebildet werden.

2009/2010

Die Bedürfnisse und die Anforderungen der Jäger, Sportschützen und Schießschulen ändern sich im Laufe der Zeit. Um hier auch weiter attraktiv zu bleiben, beschloss der Vorstand, neben der bestehenden Trap- und Skeetanlage eine Parcoursanlage zu errichten. Da es hierfür keine Zuwendungen aus der Jagdabgabe gibt, müssen diese Investionen aus Eigenmitteln finanziert werden. Trotz dieses Hindernisses ging man die Sache an. Um den Start zu finanzieren, waren einige Mitglieder bereit, den Jahresbeitrag für zehn Jahre im Voraus zu bezahlen, andere stifteten Maschinen, wieder andere spendeten Sachmittel oder „Arbeitsleistung“. Vorstandsmitglieder hatten „schlaflose Nächte“, um das Ganze zu organisieren und umzusetzen.
Am 8.3.2012 war es dann soweit: Der erste Parcours-Wettkampf konnte durchgeführt werden.
Mittlerweile ist ein komplett eingerichteter Parcours in den Skeet- und Trapstand integriert. Dieser wird sehr gut von den Flintenschützen angenommen. Am 30.3. 2013 fand der zweite Parcours-Wettkampf in der Geschichte des TTSV statt. Noch zwei weitere Wettkämpfe werden 2013 folgen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich hinsichtlich der Wurftaubenstände in der Region viel getan. Fast alle Schießstände in unmittelbarer, aber auch weiterer Umgebung der Gürather Höhe mussten leider geschlossen werden. Teilweise fielen sie dem Tagebau zum Opfer, teilweise konnten die behördlichen Auflagen nicht mehr erfüllt werden – teilweise auch, weil sich die Verantwortlichen nicht dazu durchringen konnten, sich der diversen Herausforderungen anzunehmen und sich ihnen zu stellen. Eines ist dabei allerdings zu berücksichtigen: Die Schießstände in der Region wurden alle ehrenamtlich geführt. Dies ist, besonders wenn Veränderungen anstehen, mit einem hohen Einsatz an „privater Zeit“ verbunden, manchmal sogar auch mit Kosten, die privat getragen werden, weil ein kleinerer Verein sie nicht aufbringen kann.
Bedingt durch diese Tatsache wird die Schießanlage von immer mehr Jägern und Sportschützen besucht. Die Folge war, dass die seit 1988 zur Verfügung stehenden Schießzeiten nicht mehr ausreichend waren. Außerdem bestand seitens des Landesjagdverbandes großes Interesse, Bezirksmeisterschaften auf der Gürather Höhe durchzuführen, was aber mit den vorgegebenen Schießzeiten nicht möglich war.

2012

Nach mehrjährigen Verhandlungen mit den Behörden, der Erstellung von Schallgutachten und diversen Anträgen konnte mit der Behörde ein Kompromiss erzielt werden, der es ermöglicht, zukünftig Wettkämpfe (an einigen wenigen Tagen) durchzuführen und der es dem Betreiber ermöglicht, die Schießzeiten etwas flexibler zu gestalten, um so den Bedürfnissen der Nutzer entgegenzukommen. Seit dem  5.11.2012 liegt der Kompromiss den Betreibern der Schießanlage schriftlich als Bescheid vor und kann umgesetzt werden. Erste Wettkämpfe (Bezirksmeisterschaftschießen und Parcourswettkampf) werden in 2013 zu den neuen Bedingungen durchgeführt.
Seit dem 20.4.1927 hat sich viel getan…
der TTSV und die von ihm betriebene Schießanlage hat sich, so wie auch die Rahmenbedingungen, stark verändert Von einer kleinen regionalen Schießanlage haben sich die Wurftaubenstände zu einer überregional bedeutenden Wurftaubenanlage entwickelt. Flintenschützen, sowohl aus dem Bereich der Jägerschaft, aber auch Sportschützen mehrerer Vereine nutzen intensiv die Anlage. Insgesamt vier Jungjägerkurse zuzüglich einer privaten Schießschule nutzen die Anlage zur Ausbildung und für das Training. Von ehemals 11 Mitgliedern hat sich der Mitgliederbestand auf 130 erhöht.
Diese Entwicklung konnte nur stattfinden, weil sich immer wieder Mitglieder fanden, die über das Normale hinaus bereit waren, sich zu engagieren und sich auch in einigen Fällen finanziell an der Weiterentwicklung zu beteiligen. Ohne sie wäre die Schießanlage heute nicht das, was sie ist:
Ein modernes, attraktives Schießzentrum für Flintenschützen.
Aber die Entwicklung geht weiter, die Herausforderungen werden nicht weniger!
Es heißt, die Zukunftsfähigkeit der Schießanlage zu sichern. Dies ist nicht nur eine Aufgabe des TTSV, sondern betrifft alle Schießstände und insbesondere die Wurftaubenstände in Deutschland. 
Rudolf Bünten


„Gürather Höhe“ – Porträt eines Schießstandes

Flintenschießen ist eine Leidenschaft. Damit wir sie leben können, brauchen wir Schießstände. Oft ist nicht bekannt, oder wir sind uns dessen nicht immer bewusst, was so alles „hinter einem Schießstand“ steckt. Der Schießstand Gürather Höhe – im Dreieck zwischen Mönchengladbach, Neuss und Köln in einem Ballungsgebiet Deutschlands gelegen – gibt uns ein wunderschönes und interessantes Beispiel von dem Engagement passionierter Flintenschützen über fast ein Jahrhundert hinweg.




Detlef Riechert